Diese Partie werden die Chemnitzer Basketballfans wohl noch sehr lang in ihren Köpfen behalten! Am Samstagabend lagen die NINERS im Spitzenspiel gegen den Tabellennachbarn Paderborn zu Beginn des zweiten Viertels bereits 15:31 hinten und standen mindestens mit einem Bein schon über dem Abgrund. Doch vor mehr als 1.600 Zuschauern wollte sich das Team von Cheftrainer Felix Schreier seinem Schicksal einfach nicht ergeben, sondern kämpfte sich mit knüppelharter Verteidigung und einer unglaublichen Energieleistung wieder zurück. In den verbleibenden knapp 30 Minuten ließ die BV Chemnitz 99 gerade einmal 34 Paderborner Punkte zu, ging kurz vor dem Schlussviertel endlich in Führung und holte sich letztlich mit 71:65 den vierten Sieg in Folge. "Ich bin heute unglaublich stolz auf meine Mannschaft. Die Jungs haben nie aufgegeben, grandios füreinander gekämpft und sich am Ende selbst belohnt. Aber ich möchte mich auch bei den Fans bedanken. Als zu Beginn nichts lief, haben sie uns weiter angefeuert und Paderborn im späteren Spielverlauf spürbar aus dem Konzept gebracht. Eine großartige Atmosphäre!", strahlte Schreier.
Der 22-jährige Coach hatte Paderborn im Vorfeld als das vermeintlich spektakulärste Offensivteam der gesamten Liga angekündigt und jenem Ruf wollten die Gäste offenbar schon vor Spielbeginn gerecht werden. Denn US-Boy Nick Freer brachte beim Aufwärmen die Korbanlage mit einem krachenden Dunk gleich einmal über ihre Belastungsgrenze. Mit einigen Minuten Verzögerung begann schließlich das Duell der Tabellennachbarn und dort stellten die Ostwestfalen erneut ihre ganze Angriffspower unter Beweis. Dreier Michael Jost, Dreier Ole Wendt, Dreier Nick Freer, Dreier Justin Stommes, Dreier Michael Fleischmann und wenn Jefferson Mason seine Freiwürfe zum "And-One" nach erfolgreichen Korblegern genutzt hätte, wäre die Paderborner Führung nach dem ersten Viertel noch größer als 13 Punkte gewesen (28:15). Fleischmann machte es zu Beginn des zweiten Spielabschnittes besser und verwandelte seinen Bonusfreiwurf souverän zum 31:15.
Angesichts dieser 16 Punkte Rückstand und der Paderborner Treffsicherheit konnte einem schon etwas Bange werden, doch Takumi Ishizaki brachte die NINERS mit zwei schnellen Dreiern gerade noch rechtzeitig wieder zurück. Kurz darauf drückte Alex Rosenthal die Differenz per Korbleger in den einstelligen Bereich und das BV-Team schnupperte allmählich Morgenluft. Dann eine vielleicht entscheidende Szene: Paderborns Mason und Jorge Schmidt tauschten binnen weniger Sekunden einige Nickligkeiten aus, wofür der Chemnitzer Flügel letztlich mit einem Foul bestraft wurde. Dies wiederum schmeckte den Zuschauern in der Richard-Hartmann-Halle gar nicht und sie begleiteten fortan jeden Angriff der Gäste mit einem gellenden Pfeifkonzert. Die psychologische Wirkung ließ nicht lang auf sich warten und so unterliefen Paderborn mehrere Ballverluste oder Fehlwürfe, während die NINERS immer weiter aufdrehten. Binnen zwei Minuten kämpfte sich das Schreier-Team mit einem 8:0-Lauf auf 33:36 heran und als es mit eben diesen drei Punkten Rückstand kurz darauf in die Halbzeitpause ging (36:39), war die Partie endgültig wieder offen.
Direkt nach dem Seitenwechsel machten die NINERS genau dort weiter, wo sie im zweiten Viertel aufgehört hatten und schließlich erzielte Ty Shaw von der Freiwurflinie den 40:40-Ausgleich. Dem routiniertesten Chemnitzer Korbjäger gelang an diesem Abend übrigens ein lupenreines "Double-Double" aus 16 Punkten sowie 10 Rebounds und mit seiner emotionalen Art riss er sowohl das Publikum als auch seine Teamkameraden immer wieder mit. Dennoch wollte es den BV-Hünen in dieser Phase einfach nicht gelingen, an ihrem Gegner vorbei zu ziehen, was vor allem daran lag, dass vom Perimeter aber auch überhaupt gar nichts fiel. Obwohl sich die NINERS reihenweise freie Dreier herausspielten, fanden weder die Versuche von Gary Johnson, noch die von Ishizaki, Schmidt oder Rosenthal den Weg durch die Reuse. Doch das Chemnitzer Team ließ sich davon nicht verunsichern. Eher im Gegenteil. Man kämpfte nun noch mehr um jeden Offensivrebound und mit zwei spektakulären Tip-Dunks brachten Joleik Schaffrath sowie Donald Lawson die "Hartmann-Hölle" endgültig zum kochen. Darüber hinaus legten die NINERS für jeden vergebenen Wurf in der Verteidigung einfach noch eine Schippe drauf und so brachte schließlich auch eine erfolgreiche Defensivaktion die Wende. Knapp vier Sekunden vor Ende des dritten Viertels fing Johnson einen Pass von Mason ab, umkurvte Paderborns Stommes und dieser wusste sich nur noch mit einem unsportlichen Foul zu helfen. Daraufhin verwandelte der BV-Kapitän eiskalt beide Freiwürfe und machte anschließend seinem Spitznamen wieder einmal alle Ehre: Drei Sekunden Restspielzeit, Einwurf von Ishizaki auf Johnson, der dribbelt kurz, zieht aus zehn Metern ab, BOOOM – Mr. Buzzerbeater is in the house! 57:52 für Chemnitz!
Es sollte übrigens der einzige Dreier des "Captains" im gesamten Spielverlauf bleiben. "Aber seine Quote ist mir heute mal sowas von egal. Gary hat vor allem in der Verteidigung einen Riesenjob gemacht und den besten Offensivspieler der Liga, Justin Stommes, bei gerade einmal vier Punkten gehalten. Dazu noch stark gereboundet, Assists verteilt und eben diesen einen megawichtigen Dreier versenkt. Das war einfach nur bärenstark", lobte Schreier den vielseitigen US-Boy. Doch auch die anderen BV-Spieler zeigten durchweg eine starke Leistung und so waren es im letzten Viertel Ishizaki, Schmidt und Lawson, die das Momentum auf Chemnitzer Seite hielten und die Führung zwischenzeitlich bis auf sieben Zähler ausbauten (65:58). Zwar verkürzte Jamar Diggs knapp drei Minuten vor Schluss per Dreier noch einmal zum 63:67 aus Paderborner Sicht, aber dann machten Shaw von der Freiwurflinie und Schmidt mit einem ganz langen Zweier endgültig den Deckel drauf. Durch diesen Erfolg klettern die NINERS in der Tabelle auf den dritten Platz und können nächsten Samstag mit breiter Brust zum Auswärtsspiel nach Düsseldorf fahren. "Wenn wir dort so überragend verteidigen wie gegen Paderborn und vielleicht mal noch der eine oder andere Wurf mehr fällt, haben wir sicher gute Chancen auf den Sieg", resümierte Schreier abschließend.
STATISTIK:
Shaw (16 Punkte), Ishizaki (16), Johnson (10), Schaffrath (8), Schmidt (8), Stachula (5), Lawson (4), Rosenthal (4)
STATIONEN:
7:15 (5. Minute), 15:28 (10.), 25:34 (15.), 36:39 (20.), 45:47 (25.), 57:52 (30.), 61:58 (35.), 71:65 (40.)
Matthias Pattloch