Es war eines dieser Spiele, von denen man als Chemnitzer Basketballfan noch in Jahren reden wird. Als großer Außenseiter reiste die BV 99 am Samstag zum Tabellenzweiten Crailsheim und im ersten Viertel schien man den favorisierten Merlins wirklich gar nichts entgegen setzen zu können, lag zwischenzeitlich sogar 14 Punkte hinten. Doch die NINERS kämpften sich zurück, versenkten teils unglaubliche Würfe und erzwangen in allerletzter Sekunde mit einem Dreier von Takumi Ishizaki noch die Verlängerung. Dort war Chemnitz dann das nervenstärkere Team und entführte mit einem hauchdünnen 92:90-Erfolg die Punkte aus der Crailsheimer Hakro-Arena. Überragender Akteur des Abends war zweifellos BV-Kapitän Gary Johnson mit 27 Punkten, 14 Rebounds, zwölf Assists, jeweils einem Block und Ballgewinn und nur einem einzigen Ballverlust, obwohl er die kompletten 45 Minuten durchspielen musste. "Die Zahlen sprechen für sich. Gary hat heute eine Riesenpartie gemacht und dürfte wohl absolut zurecht zum Spieler des Tages in der 2. Basketballbundesliga gewählt werden", schwärmte Cheftrainer Felix Schreier über seinen Captain.
Rund zwei Stunden früher hätte sich der 22-Jährige wohl aber auch nicht erträumen lassen, dass dieser Abend noch so ein sensationell gutes Ende nehmen würde. Denn Schreiers Schützlinge starteten unglaublich schlecht in die Partie und lagen nach rund sieben Minuten bereits 8:22 hinten. "Wir haben zu Beginn einfach viel zu weich verteidigt und die Merlins richtig ins Rollen kommen lassen", analysierte der Chemnitzer Headcoach. Zu diesem Zeitpunkt schien es, als würden die NINERS wie so oft in der Vergangenheit im Crailsheimer Hexenkessel verbrennen. Doch gerade noch rechtzeitig holten die BV-Korbjäger ihr Kämpferherz heraus, fanden allmählich ihren Rhythmus und verkürzten bis zum Ende des Startviertels immerhin auf 18:26.
Die Aufholjagd setzte sich zu Beginn des zweiten Spielabschnittes fort und letztlich brachte Alex Rosenthal sein Team mit einem Dreier wieder in Schlagdistanz (23:26). Allerdings zeigten die Merlins im Anschluss, warum sie in dieser Saison ganz vorn mit dabei sind. Einerseits drehten die überathletischen US-Boys Billy Babtist sowie Darryl Webb mächtig auf und andererseits setzten die Scharfschützen Jeremy Dunbar sowie Mark Hill immer wieder empfindliche Nadelstiche von der Dreierlinie. So wuchs der Crailsheimer Vorsprung erneut auf zehn Punkte an (36:26) und für die NINERS kam erschwerend hinzu, dass ihre beiden Aufbauspieler Takumi Ishizaki sowie Philipp Stachula bereits frühzeitig zahlreiche Fouls sammelten. So musste BV-Kapitän Gary Johnson wie schon letzte Woche gegen die Saar-Pfalz Braves oft auf die Pointguardposition ausweichen, wo er allerdings sowohl als Scorer wie auch als intelligenter Ballverteiler und engagierter Rebounder zu überzeugen wusste. Und ein Highlight hatte sich der "Captain" noch aufgespart: Bei nur noch fünf Sekunden auf der Uhr dribbelte Johnson bis zur Mittellinie, zog aus vollem Lauf ab und versenkte mit der Schlusssirene einen Wahnsinns-Dreier zum 40:43-Anschluss. Augenblicklich stürmte der US-Amerikaner zu den mitgereisten Chemnitzer Fans und rief: "Ich habe noch nie in Crailsheim gewonnen. Aber heute gehen wir nicht als Verlierer vom Platz – koste es was es wolle!"
Die NINERS hatten ihren katastrophalen Fehlstart endgültig überstanden und so entwickelte sich nach dem Seitenwechsel ein rassiges Duell zweier starker Mannschaften auf Augenhöhe. Mitte des dritten Viertels brachte schließlich BV-Oldie Ty Shaw die Chemnitzer mit einem Dreier erstmals in Führung (50:49). Zwar konterten Crailsheims Webb, Hill und Obiango umgehend mit jeweils drei Zählern zum 58:53, aber die Schlussphase dieses Spielabschnittes gehörte abermals den NINERS. So traf zunächst Johnson mit tollem Drive zum Korb, dann versenkte Jorge Schmidt einen seiner insgesamt fünf Dreier an diesem Abend und nachdem Merlins-Pointguard Mark Hill ein Offensivfoul beging, war es wieder Zeit für "Mr. Buzzerbeater". Denn erneut blieben nur noch fünf Sekunden bis zur Viertelpause, doch Johnson schnappte sich abermals das Leder und versenkte mit der Schlusssirene den nächsten Dreier zur 62:60-Führung.
Das Momentum schien nun endgültig auf Chemnitzer Seite und dank der Treffer von Joleik Schaffrath, Donald Lawson, Rosenthal und Johnson baute das BV-Team den Vorsprung zu Beginn des letzten Viertels gar auf 73:67 aus. Allerdings sollte dies die höchste Führung der NINERS im gesamten Match bleiben und so schnell man sie herausgespielt hatte, so schnell war sie auch wieder weg. Denn rund drei Minuten vor Spielende schaffte Crailsheims Babtist mit einem krachenden Dunk den 77:77-Ausgleich. Anschließend taten sich die NINERS in der äußerst stimmungsvollen Hakro-Arena und gegen knallhart verteidigende Merlins sehr schwer, gute Würfe herauszuspielen. So kam es fast, wie es kommen musste und als Darryl Webb 20 Sekunden vor Schluss zum 80:77 für die Gastgeber traf, bahnte sich abermals eine extrem bittere Niederlage der Chemnitzer Korbjäger an. Doch noch war ja etwas Zeit und in der kämpften die NINERS verbissen um ihre Chance: Vergebener Korbleger Rosenthal, Offensivrebound Rosenthal, vergebener Dreier Rosenthal, Offensivrebound Schmidt, vergebener Dreier Johnson, Offensivrebound Rosenthal, Dreierversuch von Takumi Ishizaki – Schlusssirene – drin – Verlängerung!
Zum zweiten Mal innerhalb von 14 Tagen sollte ein Spiel des BV-Teams also erst in der Overtime entschieden werden und die NINERS zeigten jetzt, dass sie aus der Partie in Nürnberg gelernt hatten. Mit bärenstarker Verteidigung und unbändigem Einsatz ließ man keinen leichten Wurf der Merlins mehr zu, um jeden freien Ball wurde mit aller Macht gekämpft und vorn hatte man neben Johnson noch Jorge Schmidt, der jetzt zwei Dreier zum 91:86 versenkte. Aber die Partie war noch nicht entschieden und Joseph Buck verkürzte 40 Sekunden vor Schluss für sein Team auf 90:91. Im nächsten Angriff spielte Chemnitz die Shotclock fast komplett runter, aber Shaws halbwegs offener Dreier drehte sich wieder aus dem Ring. So hatte Crailsheim den letzten Angriff und die Chance mit diesem doch noch den Sieg zu holen. Aber die NINERS machten einfach jeden Merlin komplett zu, erzwangen den Ballverlust der Gastgeber, die daraufhin foulen mussten und bei weniger als einer Sekunde Restspielzeit machte Philipp Stachula alles richtig: Den ersten Freiwurf versenkte er nervenstark im Korb, den zweiten setzte er absichtlich daneben und weil Lawson eine Hand beim Rebound an den Ball bekam, lief die Uhr ab, bevor Crailsheim noch einen Notwurf machen konnte. "Das war ein sensationelles Spiel und eine unglaubliche Energieleistung der gesamten Mannschaft. Ich bin einfach nur überglücklich und heute Nacht wird noch sehr lange gefeiert", kündigte BV-Cheftrainer Felix Schreier eine feuchtfröhliche Rückfahrt nach Chemnitz an.
STATISTIK:
Johnson (27 Punkte, 14 Rebounds, 12 Assists!!!), Schmidt (17, 5 Dreier), Shaw (17, 10 Reb.), Ishizaki (9), Lawson (8), Schaffrath (8), Rosenthal (5), Stachula (1)
STATIONEN:
14:4 (5. Minute), 26:18 (10.), 33:26 (15.), 43:40 (20.), 49:47 (25.), 60:62 (30.), 72:73 (35.), 80:80 (40.), 90:92 (45.)
Matthias Pattloch